Renaturierung verbessert Hochwasserschutz

Im Zusammenhang mit der Renaturierung Pulheimer Bach, aktu­ell in Sinthern und Geyen, werden verstärkt Fragen zum Hochwasserschutz gestellt. Die Berichterstattung über die Hochwasserkatastrophen im Süd‐ und Nordosten von Deutschland trägt verstärkt dazu bei. Der Bachverband fasst Fragen und Antworten zusam­men:

Für welches Regenereignis ist der Hochwasserschutz am Pulheimer Bach ausge­legt?

Für das 50‐jährliche Regenereignis — ein Regenereignis, das statis­tisch alle 50 Jahre eintre­ten kann. Doch Vorsicht: Muss es aber nicht, es kann schon morgen eintre­ten.

Warum ausge­rech­net für das 50‐jährliche Regenereignis?

Extremereignisse sind unver­meid­bar, wenn man im Wirkungsbereich solcher Naturereignisse, den Auen, siedelt. Die Räte der Kommunen Bergheim und Pulheim haben sich seiner­zeit deshalb auf diese Grenze verstän­digt, weil noch bezahl­bar.

Sind die Hochwasserschutzmaßnahmen irgend­wann been­det?

Besiedelung, Über‐ und Anbau, Einleitungen, Flächennutzung, Bodenerosion und verän­der­ter Abfluss zwin­gen zu stän­di­gen Anpassungen. Völliger Schutz ist nur durch eine “Vermeidungsstrategie” möglich: Dem Wasser lassen, was dem Wasser gehört. Die Aue ist das natür­li­che Überschwemmungsgebiet der Fließgewässer. Wenn man das Areal trotz­dem nutzen will, muss man einen in seinem Zeitpunkt des Auftretens nicht kalku­lier­ba­ren “Besuch” des Wassers einpla­nen oder den Schaden akzep­tie­ren. Diese Schadensakzeptanz war bisher die Konvention.

Welche Wassermengen muss der Pulheimer Bach beim 50‐jährlichen Regenereignis schad­los abfüh­ren?

3.000 Liter/Sekunde, egal ob noch in Betonsohlschalen gefes­selt oder schon rena­tu­riert.

Wie wirkt sich die Renaturierung auf den Hochwasserschutz aus?

Verstärkend: Mäanderbögen, brei­te­rer Bachlauf und neue Auenbereiche schaf­fen Platz für Überschwemmungsraum, viel wich­ti­ger als immer höhere Dämme und Deiche. Überschwemmungsraum vermin­dert die Fließgeschwindigkeit, Hochwasserwellen blei­ben sogar aus oder kommen flacher und lang­sa­mer.

Und was muss man tun, diese Überschwemmungsräume zu reali­sie­ren?

Das A und O ist der weitere Grunderwerb links und rechts der Bäche und Flüsse. Bei Katastrophenregen ober­halb des 50‐jährlichen Regenereignisses “holt” sich vorüber­ge­hend der Bach diese Flächen sowieso.

Kann man den zusätz­li­chen Hochwasserschutz durch Renaturierung messen?

Ziemlich genau — zwei Beispiele: Glessen, Renaturierungsabschnitt gegen­über der Kläranlage, etwa 10.000 Kubikmeter zusätz­lich Pulheim, zwischen Geyen/Junkerburg und B59 N, etwa 7.500 Kubikmeter zusätz­lich.

Hat dieser zusätz­li­che Hochwasserschutz auch zusätz­li­che Kosten verur­sacht?

Nein, wie im Großen, so im Kleinen: Hochwasserschutz durch Renaturierung ist ein kosten­lo­ses, aber wünschens­wer­tes “Nebenprodukt” der Gewässerrenaturierung.

Gibt es weitere Argumente?

Mobilisierung natür­li­cher Reinigungskräfte — von “Abwasser‐ zur Badewasserqualität”. Geradezu Pflicht für Grund‐ und Trinkwasserschutz im Einzugsgebiet Wasserwerk Köln‐Weiler. Darüber hinaus: Renaturierung ermög­licht Naturerlebnis am Bach, “Außerschulische Lernorte” erlau­ben es gerade Kindern Zusammenhänge der ökolo­gi­schen Aufwertung, mit Rückkehr arten­rei­cher Pflanzen‐ und Tierwelt zu erken­nen und zu verste­hen. Renaturierung verbes­sert somit den Erhalt der Artenvielfalt.

Gibt es spezi­elle Einrichtungen für den Hochwasserschutz?

Ja: Glessen, Hochwasserrückhaltebecken im Naturschutzgebiet “Liebesallee”, hinter der Feuerwehr, 25.000 Kubikmeter Rückhaltevolumen.
Glessen, Hochwasserrückhaltebecken am Friedhof, 25.000 Kubikmeter Rückhaltevolumen.
Sinthern: Hochwasserrückhaltebecken Sinthern, 80.000 Kubikmeter Rückstauvolumen; aus Sicherheitsgründen gelten für den siche­ren Betrieb Talsperrenvorschriften.
Pulheim: Hochwasserrückhaltebecken “Bendacker”, am Elchweg, 28.000 Kubikmeter Rückhaltevolumen.
(Projektgalerie)

Ist das nicht über­zo­gen, die Becken hat man noch nie voll gese­hen?

Beim “Bordvoll” gefüll­ten Bach flie­ßen 3.000 Liter/Sekunde schad­los ab. Jeder zusätz­li­che Liter löst auto­ma­tisch den Einstau aus. Volle Becken hätten den Hochwasserschutz völlig ausge­reizt.

Wie wirken sich verrohrte Bachabschnitte in den Ortslagen für den Hochwasserschutz aus?

Beim 50‐jährlichen Regenereignis ohne Probleme.

Und wie bei einem Regenereignis, das stär­ker ist als ein 50‐jährliches Regenereignis?

Im Rohr einge­engt über­for­dern solch ernorme Wassermengen die maxi­male Durchleitungsmenge: Vor den Verrohrungen steigt der Bach aus seinem Bett und über­schwemmt tiefer liegende Bereiche. Je nach Wasserdruck können sich Wartungsschächte gera­dezu wie Artesische Brunnen entwi­ckeln, die schwe­ren Schachtdeckel werden wie nichts nach oben wegge­drückt.

Sind verrohrte Bachabschnitte siche­rer als offene Bachabschnitte?

Nein, der Bach ist einge­engt. Mit Öffnung verrohr­ter Bachabschnitte wird regel­mä­ßig auch der Querschnitt und damit das Durchleitungsvolumen deut­lich erhöht. Der Hochwasserschutz wird verbes­sert.

Gibt es am Pulheimer Bach bereits Bachabschnitte, deren Verrohrung wieder geöff­net wurden?

Leider nein. Es gibt aber verrohrte Bachabschnitte, die für eine Öffnung bestens geeig­net wären. Da mühen wir uns weiter, um Anrainer und Grundstückseigentümer zu über­zeu­gen.

Aktuell werden so genannte Hochwassergefahrenkarten am Pulheimer Bach disku­tiert. Was ist der Hintergrund?

EU‐ und natio­na­les Recht verpflich­ten jetzt die Kommunen, auch Pulheim, den Hochwasserschutz für das 100‐jährliche Regenereignis zu über­prü­fen und mögli­che Überflutungsflächen in Karten darzu­stel­len.

Gibt es beson­dere Erfahrungen zu den so genann­ten Starkregenereignissen?

Ja, Verschiebung vom Winterhalbjahr zum Sommerhalbjahr. Oft mit stär­ke­ren und klein­räu­mi­gen Starkregenereignissen verbun­den, da die warme Atmosphäre mehr Wasser aufneh­men kann. Typisch: Gewitterlagen. Dabei führen kurze Starkregenereignisse zu hohem Oberflächenabfluss, vor allem in einer inten­siv genutz­ten und dicht besie­del­ten Agrarlandschaft, wie dem Einzugsgebiet des Pulheimer Bachs. Die extre­men Hochwässer haben aber etwas komple­xere Rahmenbedingungen bei den Witterungserscheinungen, die mehr­tä­gige extreme Niederschläge zur Folge haben. Dabei wird, nach­dem die Bodenporen mit Wasser gefüllt sind, fast alles Niederschlagswasser direkt dem Bach (und Flüssen) und seinen Nebengewässern zuge­führt. Die gegen­wär­tige kata­stro­phale Situation im Osten Deutschlands ist dadurch verstärkt worden, dass der Mai über­durch­schnitt­lich kühl und feucht war. Als sich die so genannte Vb‐Wetterlage einstellte, die eigent­lich jedes Jahr mehr­mals auftre­ten kann, war der Boden bereits vor Einsetzen der lang anhal­ten­den kräf­ti­gen Regen so voll Wasser, dass er fast nichts mehr aufnahm. Und, im Unterschied zu Gewittern hat das Regengebiet einer Vb‐Wetterlage eine sehr viel größere Ausdehnung als Gewitterfronten. Das bedeu­tet bei vielen Bächen und selbst manchen Flüssen, dass über dem gesam­ten Einzugsgebiet tage­lang viel Regen fällt. Wenn der Boden als Speicher für dieses Wasser ausfällt, braucht der Bach oder Fluss seine Aue als Kurzzeitspeicher. Wenn er die nicht hat, baut sich flussab eine immer mehr zuneh­mende Hochwasserwelle auf. Jeder durch­bro­chene Deich ist zwar vor Ort schlimm, aber für die Anwohner fluss­ab­wärts eine Entlastung.

Ist der Hochwasserschutz am Pulheimer Bach ein beson­de­res Thema der letz­ten Jahre?

Nein. Der “Widdersdorfer Damm”, 1720 errich­tet, schützte schon vor rund 300 Jahren Pulheim vor Hochwasser (siehe histo­ri­sche Karte). Wegen vieler schlim­mer Überschwemmungen in Pulheim (1947), Sinthern (1958), Geyen und Glessen, haben die Kommunen Bergheim und Pulheim 1964 den Bachverband gegrün­det. Seitdem wurde der Hochwasserschutz für das 50‐ jähr­li­che Regenereignis ausge­baut und die Renaturierung begon­nen.

Historische Hochwasser Aktuelle Meldungen zum Thema Hochwasserschutz